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Georg Hörtnagel: Ein Leben in der Musik

Georg Hörtnagel © Stephan Rumpf

Georg Hörtnagel hatte zwei Karrieren: Die des ausübenden Musikers, der mit dem Kontrabass die ganze Welt bereist hat und der mit dem Alban Berg Quartett, dem Amadeus-Quartett und Benjamin Britten, mit Martha Argerich, Svjatoslav Richter, Gidon Kremer oder Christoph Eschenbach auftrat – rund 800 Mal hat er weltweit in Franz Schuberts „Forellenquintett“ den Bass gespielt. Und die des Impresarios, der über 55 Jahre das Konzertleben Münchens maßgeblich mitgestaltet hat. Bereits im Alter von zwölf Jahren wusste er: „Ich will ein Leben in der Musik.“

1927 wurde Georg Hörtnagel in München geboren. Er wuchs mit seiner Mutter und ihren 15 Geschwistern bei seinen Großeltern im Allgäu auf. Neben der Arbeit auf den Familienhöfen spielte er Akkordeon, Trompete in der Dorfkapelle, bald auch die Kirchenorgel, und hatte gerade begonnen, sich Geige und Cello beizubringen, als ein Mindelheimer Gymnasiallehrer auf sein Talent aufmerksam wurde. Mit 14 Jahren machte er so heimlich die Aufnahmeprüfung am Konservatorium in Augsburg, der Direktor riet wegen der „Bauernpratzen“ jedoch zum Bass. Gleich nach dem Krieg, in dem Georg Hörtnagel beim Arbeitsdienst und in der Gefangenschaft all seine Kenntnisse nutzen konnte, ging er nach München. Dort spielte er in amerikanischen Jazzkneipen und gewann schließlich – noch nicht volljährig – das Probespiel an der Bayerischen Staatsoper unter Georg Solti. Neben seiner Position als Solobassist im Orchester entwickelte er sich zunehmend auch zu einem international gefragten Kammermusiker.

Doch 1967, kurz nach Aufnahme seiner ersten Soloplatte mit Dittersdorfs Kontrabasskonzert, hatte er sich überspielt. Eine falsche Behandlung seiner Hand führte dazu, dass er seine „schöne Position im Orchester“ verlor. Georg Hörtnagel war inzwischen verheiratet und Vater von drei Kindern. Und er war berufsunfähig. Der Vertrauensarzt der Staatsoper schrieb ihn „zu fünf Prozent krank, denn ein Finger, das waren fünf Prozent“. Nach 18 Jahren als aktiver Musiker im Orchester musste ihm die Staatsoper einen „äquivalenten Posten“ anbieten – Georg Hörtnagel wurde Hilfsbibliothekar und legte seinen ehemaligen Kollegen die Noten aufs Pult. Es dauerte zwei Wochen, bis er freiwillig kündigte und beschloss, gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth die von ihr gegründete Münchner Konzertdirektion auszubauen.

Als Elisabeth Meßner 1960 (noch nicht volljährig, mithilfe eines Vormunds) ebendiese Konzertdirektion ins Leben rief, konnte sie bereits auf eine lange Familientradition der Konzertorganisation zurückblicken. Ihr Vater, der Zahnarzt Hans Meßner, war in seiner Freizeit ein leidenschaftlicher Pianist, der zunächst Hauskonzerte veranstaltete sowie schließlich den „Kammerkonzertring“ initiierte und leitete. Er begleitete Hermann Prey am Klavier, bot dem jungen Musikstudenten Alfred Brendel ein Podium und veranstaltete Konzerte mit dem Amadeus-Quartett oder Nicolai Gedda. Auch Georg Hörtnagel war als Kontrabassist und Kammermusiker schon in der Veranstaltungsreihe aufgetreten.

Mit diesen Konzerten wuchs Elisabeth Meßner auf. So war es kein Wunder, dass der Name Hörtnagel, den sie ein Jahr später mit ihrer Heirat annahm, von Anfang an mit hochkarätigen Programmen verbunden war. Neben dem Amadeus-Quartett und Alfred Brendel konnte sie Ensembles wie das Beaux Arts Trio, das Smetana-Quartett, das Koeckert-Quartett, das Alban Berg Quartett oder das Guarneri Quartett regelmäßig verpflichten und begründete so den guten Ruf eines Kammermusikprogramms, das sich aus dem Münchner Konzertleben niemand mehr wegdenken möchte.

Doch auch außerhalb der Landeshauptstadt bereicherten die Hörtnagels die Musikszene: Sieben Jahre lang lebte die Familie in Nürnberg, „im Exil“, wie Georg Hörtnagel einst scherzhaft sagte. Als sich 1967 der Kauf der alteingesessenen Konzertdirektion Wolf als Glücksfall erwies, erstanden die Hörtnagels „einen Schreibtisch und einen Karteikasten“ und übernahmen somit eine ganze Reihe von Konzerten des „U-Sektors“, die über Jahrzehnte hinweg in Nürnberg parallel zu den klassischen Konzerten veranstaltet wurden. Auf dem Programm standen Peter Alexander, Reinhard Mey, Mireille Mathieu, Ernst Mosch, Harry Belafonte oder die Bee Gees.

Auch für die klassische Musik bot sich noch 1967 eine einmalige Gelegenheit, die den musikalischen Kontakten des Kontrabassisten zu verdanken war. Durch Zufall traf er einen alten Bekannten wieder. Ihn hatte er in den 1950er Jahren kennengelernt, als er mit dem Stross-Kammerorchester unter den ersten deutschen Musikern war, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf Russland-Tournee gehen durften. Sein Bekannter war damals Dolmetscher gewesen und in der Zwischenzeit in leitender Funktion im Kultusministerium sowie für die allgewaltige russische Agentur Gos-Konzert tätig. Als Georg Hörtnagel ihm von seinem notgedrungenen Berufswechsel erzählte, folgte mit den Worten „Komm doch zu mir nach Moskau“ eine Einladung, die Georg Hörtnagel gerne annahm.

Von da an übernahm die Münchner Konzertdirektion einen Großteil des russisch-deutschen Musikeraustauschs, Georg Hörtnagel lernte Russisch und begann mit dem Ausbau einer Künstlervermittlung. Eine lange Tradition begann mit der Übernahme des Managements für das Moskauer Kammerorchester unter Rudolf Barschai sowie die Sankt Petersburger Philharmoniker. Von München aus wurde das Orchester der Warschauer Nationalphilharmonie vertreten; Gidon Kremer, dessen erste Deutschlandtournee durch die Münchner Konzertdirektion organisiert wurde und der seither zu den regelmäßigen Gästen der Konzertreihen gehört, Vladimir Spivakov, Victor Tretjakow, Oleg Kagan und Natalia Gutman. Auch das Borodin Quartett, der Bratschist Yuri Bashmet sowie Mikhail Peltnev mit dem Russischen Nationalorchester wurden deutschlandweit vertreten, parallel dazu erweiterten die Hörtnagels nach und nach den Veranstaltungsbetrieb.

Zu der ursprünglichen Kammermusikreihe kam eine Reihe mit Klavierkonzerten, eine mit Orchesterkonzerten – und auch Liederabende wurden zum festen Bestandteil der Programmplanung. Sir Clifford Curzon und Annie Fischer waren in den Hörtnagel’schen Konzertreihen ebenso vertreten wie Sängerinnen und Sänger wie Barbara Hendricks, Thomas Quasthoff, Dietrich Fischer-Dieskau, Hermann Prey, Peter Schreier, Jessye Norman, Margaret Price oder Bryn Terfel. Neben den russischen Orchestern wurden Konzerte mit namhaften internationalen Orchestern organisiert, so zum Beispiel mit den Berliner Philharmonikern, den Wiener Philharmonikern, der Sächsischen Staatskapelle Dresden, dem Gewandhausorchester Leipzig, dem Chicago Symphony Orchestra, dem Philharmonia Orchestra London und dem Cleveland Orchestra. Herbert von Karajan war ebenso zu Gast wie Kurt Masur, Claudio Abbado, Sergiu Celibidache, Daniel Barenboim oder Carlos Kleiber.

Ein immer umfangreicheres Programm erforderte ein waches Gespür für die geeigneten Aufführungsorte und Spielstätten. In Nürnberg entdeckten die Hörtnagels den Rittersaal der alten Kaiserburg als Veranstaltungsort. Ob es Georg Hörtnagels privater Leidenschaft für Baugeschichte zu verdanken ist, dass er auch die Ruine des Bibliotheksaals eines Klosters im kleinen Ort Polling als Konzertsaal entdeckte? Nur 400 Plätze umfasst der Saal – dennoch traten hier Svjatoslav Richter und Maurice André auf. Viele junge Talente, die die Münchner Konzertdirektion beim Aufbau ihrer Karrieren unterstützt, sind zunächst in Polling aufgetreten.

In München wurde das traditionsreiche Prinzregententheater in die Veranstaltungsplanung einbezogen. Mit der Entscheidung, neben München und Nürnberg auch Augsburg und Regensburg mit in die Programmgestaltung zu nehmen, schufen sich die Hörtnagels für viele Jahre die Möglichkeit, gleich mehrere Spielorte für ihre Tourneegestaltungen unabhängig einplanen zu können.

Wie bei jedem Unternehmen ist auch die Geschichte der Münchner Konzertdirektion eng mit historischen und gesellschaftlichen Veränderungen und Ereignissen verbunden. So wie ein Mangel an Spielstätten und ein konzerthungriges Publikum charakteristische Merkmale der Nachkriegszeit waren, blieben die Auswirkungen des Kalten Kriegs auf die Beziehungen zu Gos-Konzert nicht aus. 1980 brach die russische Agentur zahlreiche Verträge mit der Münchner Konzertdirektion und beendete die lange Zusammenarbeit. Doch auch wenn der Schwerpunkt der Künstlervermittlung bis dahin stark auf russischen Künstlern lag, hatte dieser nie ausschließlich bestanden. So hatte Elisabeth Hörtnagel die außergewöhnliche Begabung des Cellisten Yo-Yo Ma bereits sehr früh entdeckt und auch Sir András Schiff, der Tenor Jorma Hynninen, das ungarische Takács Quartett, das Trio Fontenay und Barbara Hendricks wurden von der Münchner Konzertdirektion vertreten. Einige der von der Münchner Konzertdirektion gemanagten Künstler, darunter Mstislaw Rostropovich, hatten Russland bereits verlassen. Später entdeckte Georg Hörtnagel den norwegischen Trompeter Ole Edvard Antonsen – und auch der Schlagzeuger Peter Sadlo sowie Maurice André verließen sich vertrauensvoll auf die langjährige Erfahrung.

Künstler wie Arturo Benedetti Michelangeli und Svjatoslav Richter, die für ihre Außergewöhnlichkeit berühmt-berüchtigt waren, wurden über Jahrzehnte von der Münchner Konzertdirektion gemanagt. Vielen Musikern war Georg Hörtnagel Freund und Kollege, mit dem sich die Anspannung vor dem Konzert ebenso teilen ließ wie die darauffolgende Erleichterung. Mit Persönlichkeiten wie Maurizio Pollini, Martha Argerich, Anne-Sophie Mutter, Krystian Zimerman oder dem Quatuor Ébène verband ihn eine jahrzehntelange Freundschaft. Häufig waren große Musiker im Hause Hörtnagel zu Gast. Carlos Kleiber studierte dort gemeinsam mit Svjatoslav Richter das Dvorák-Klavierkonzert ein.

Georg Hörtnagel unterrichtete viele Jahre als Kontrabass-Lehrer am Meistersinger-Konservatorium Nürnberg sowie an der Hochschule für Musik und Theater München. Mit zahlreichen seiner Schüler pflegte er ein freundschaftliches Verhältnis über ihre Studienzeit hinaus. Neben dem Unterrichten galt dem Dirigieren eine seiner großen Leidenschaften: Er war erster Gastdirigent in Jekaterinburg östlich des Uralgebirges, leitete eine Produktion der „Zauberflöte“ in Posen und dirigierte in München ein Konzert der Bamberger Symphoniker anlässlich seines 65. Geburtstags.

Sein ganzes Leben lang sah Georg Hörtnagel eine seiner schönsten Aufgaben darin, den musikalischen Nachwuchs aufzuspüren und damit einen Beitrag zu leisten, die Musikszene auf anspruchsvolle Weise lebendig zu halten. Seinem eigenen Einschätzungsvermögen ist es zu verdanken, dass einer Reihe junger Künstler eine Chance gegeben wurde, sich auf dem Podium zu behaupten. Wie sehr man diesem trauen durfte, beweisen Karrieren wie die von Julia Fischer, Daniel Müller-Schott, Arabella Steinbacher oder Lisa Batiashvili. Wenn ihn nicht gerade etwas Schwerwiegendes daran hinderte, war Georg Hörtnagel bei allen Konzerten anwesend. Das sehr Persönliche spürte das Publikum nicht zuletzt bei den jährlichen Adventskonzerten in Nürnberg und Polling, die mit viel Liebe, Initiative, anfangs selbst gekochtem Glühwein und Georg Hörtnagel am Kontrabass, der sein Publikum zum Singen aufforderte, längst zur Tradition geworden sind.

Seine Tochter Beatrice Hörtnagel machte sich 1998 mit der Konzertdirektion Hörtnagel Berlin selbstständig und setzt so die lange Tradition der Künstlervermittlung fort. 2015 stellte die Münchner Konzertdirektion Hörtnagel ihre internen Strukturen neu auf, um das Unternehmen stabil in die Zukunft zu führen. Mit Hörtnagels Tochter Konstanze Hörtnagel, Sonia Simmenauer (Impresariat Simmenauer) sowie Andreas Schessl (MünchenMusik) kamen drei neue Gesellschafter hinzu.

Am 1. Mai 2020 ist Georg Hörtnagel im Alter von 93 Jahren in München gestorben. Über 55 Jahre prägte er als Impresario und Musikerpersönlichkeit mit Leidenschaft und Charme unser Konzertleben maßgeblich. Publikum und Künstler vertrauten ihm gleichermaßen, auch weil er die Welt der Kammermusik verkörperte wie kein zweiter. Eben diese Liebe zur Kammermusik hat uns zusammengeführt – ein wertvolles musikalisches Gut, das zu pflegen und in die Zukunft zu führen unser großes Bestreben ist.

München, Mai 2020

Konstanze Hörtnagel, Sonia Simmenauer, Andreas Schessl und Dea v. Zychlinski-Schessl sowie das Team der Münchner Konzertdirektion Hörtnagel